10 ungewöhnliche Ziele
- Namensgeber
- Der Priester, den es nie gab
- Breiter als lang
- Die Wiege aller „No-Nay-Never“
- Deutsche Dankbarkeit
- Admiral Nelson’s Kopf
- Rechtsverkehr
- Falsche Fenster
- Im Galopp über Kopfsteinpflaster
- Verpasst
Namensgeber
Keine Sehenswürdigkeit im eigentlichen Sinn, aber eine der vielen Kuriositäten, mit denen Dublin aufwartet: In der Earl Street, nur wenige Schritte von der Spire auf der O’Connell Street entfernt, finden Sie ein Geschäft des Hörgeräte-Spezialisten „Bonavox“. Sofern Sie dort nicht gerade Rat in Sachen Hörtests oder Hörgeräte benötigen, dürfte folgende Geschichte für Sie interessant sein.
In den 1970er-Jahren gehörte der Dubliner Schüler Paul David Hewson zu einer Clique, die sich „Lypton Village“ nannte. Ihre Mitglieder verpassten sich gegenseitig Spitznamen, und Hewson trug nacheinander unter anderem „Huyseman“, „Houseman“ und „Bon Murray“. Sein Freund Derek „Guggi“ Rowen nannte ihn schließlich „Bono Vox“, abgewandelt vom Namen des Hörgerätegeschäfts gleich neben der O’Connell Street. „Bona vox“ ist Latein und heißt „gute Stimme“.
Anfangs soll Hewson der Name gar nicht gefallen haben, er fand sich aber damit ab, als er die Übersetzung kannte. Als Sänger von U2 wurde daraus kurz „Bono“, und unter diesem Namen kennt ihn heute die ganze Welt. Das Geschäft gibt es noch: Die Dubliner Filiale von Bonavox liegt in der North Earl Street Nr. 9 (Dublin 1). Für ein Foto des Ladenschilds lohnt der kurze Abstecher, wenn Sie ohnehin an der Spire oder der James-Joyce-Statue am Eingang der North Earl Street vorbeikommen.

Der Priester, den es nicht gab
Und noch einmal die O’Connell Bridge: Auf der westlichen Brüstung, von der aus man auf die Ha’Penny Bridge blickt, findet man in der Mitte oben eingelassen eine kleine Plakette. Sie erinnert an einen Father Pat Noise, der am 10. August 1919 auf mysteriöse Weise ums Leben kam, als seine Kutsche an dieser Stelle in die Liffey stürzte. So jedenfalls steht es auf der Tafel.
Den Priester hat es nie gegeben. Laut Inschrift war Father Pat Noise ein Berater von „Peadar Clancey“ und starb unter „verdächtigen Umständen“. Peadar Clancy (richtig geschrieben) war zwar ein echter IRA-Offizier, er kam aber erst am Abend des Bloody Sunday im November 1920 ums Leben. Als Stifter nennt die Plakette eine erfundene „HSTI“, was sich als Anagramm eines derben englischen Schimpfworts lesen lässt. Der Name selbst spielt auf das lateinische „Pater noster“ an.
Zwei Brüder bekannten sich im Mai 2006 zu dem Streich, nachdem ein Journalist der Zeitung „Sunday Tribune“ bei der Stadt nachgefragt hatte. Angebracht hatten sie die Tafel nach eigenen Angaben schon 2004. Die Stadtverwaltung wollte das ungenehmigte Schild zunächst entfernen. Ende 2006 stimmte jedoch ein Bezirksausschuss dafür, es hängen zu lassen. Bei der Restaurierung der Brücke im März 2007 verschwand die Tafel, kurz darauf hing heimlich eine neue an ihrer Stelle. Als Arbeiter auch diese abnehmen wollten, schritt Stadtrat Dermot Lacey ein. Seitdem gehört der erfundene Geistliche zur Stadt, und als Besucher kennen Sie nun eine Dublin-Geschichte, die kaum ein Reiseführer erzählt.

Breiter als lang
Kaum jemand beachtet ein weniger bekanntes Merkmal der O’Connell Bridge … die Brücke ist nämlich ein äußerst seltenes Exemplar ihrer Gattung! Nehmen Sie sich einige Minuten Zeit und vergleichen Sie die Entfernung zwischen den Ufern des Liffey und die Entfernung zwischen den Brückengeländern. Genau! Die O’Connell Bridge ist wesentlich breiter, als sie lang ist! Das fällt in der Rush Hour aber nicht weiter auf…
Die Zahlen dazu: Die Brücke überspannt die Liffey auf rund 45 Metern, ist aber etwa 50 Meter breit. Ihre heutige Form erhielt sie beim Umbau der alten Carlisle Bridge (1791–1794, Entwurf James Gandon) zwischen 1877 und 1880. Mehr zur Geschichte der Brücke lesen Sie auf unserer Seite zur O’Connell Bridge in Dublin.

Die Wiege aller „No-Nay-Never“
In der Merrion Row, die Stephen’s Green und Merrion Square verbindet, befindet sich der Pub “O’Donoghue’s”. Der eher unauffällige Pub ist unter Anhängern irischer Folkmusik eine der bekanntesten Adressen in Dublin. Er gilt als das Mekka der Balladen, Trink- und Rebellenlieder.
Hier begannen Anfang der 1960er-Jahre Ronnie Drew, Luke Kelly, Barney McKenna und Ciarán Bourke gemeinsam zu spielen. Zunächst traten sie als „Ronnie Drew Folk Group“ auf, bald darauf unter dem Namen, mit dem sie weltberühmt wurden: The Dubliners. Gerahmte Porträts der bärtigen Bandmitglieder, darunter auch John Sheahan und spätere Musiker wie Seán Cannon und Eamonn Campbell, hängen bis heute im Pub. Auch Séamus Ennis, Joe Heaney, Andy Irvine und Christy Moore haben hier gespielt, wie die Fotos an den Wänden zeigen.
Das Haus in der Merrion Row Nr. 15 stammt von 1789 und war ursprünglich ein Lebensmittelladen. Als Pub betrieb es ab 1934 die Familie O’Donoghue, seit 1988 führt es Wirt Oliver Barden mit seiner Familie. Die Sessions finden noch immer allabendlich gleich neben dem Eingang statt, wer einen Sitzplatz möchte, kommt früh. Hinter dem schmalen Schankraum liegen weitere Sitzbereiche und ein überdachter Hof. Mehr über Irlands Kneipenkultur finden Sie in unserem Beitrag über irische Pubs, über die Musik selbst unter irische Musik.

Deutsche Dankbarkeit
Der Park Stephen’s Green ist nur so gespickt mit Statuen, Büsten und Denkmälern, was einen Rundgang besonders unterhaltsam und lehrreich macht. Aus deutscher Sicht interessant ist das Denkmal in Form eines Brunnens am südöstlichen Eingang zum Park, Ecke Leeson Street/Earlsfort Terrace. „The Three Fates“, wie der Brunnen offiziell heißt, stellt die drei Schicksalsgöttinnen dar, die nach antiker Vorstellung den Lebensfaden der Menschen spinnen, bemessen und abschneiden.
Geschaffen hat die Bronzegruppe der deutsche Bildhauer Josef Wackerle (1880–1959), aufgestellt wurde sie 1956. Der Brunnen ist ein Geschenk aus Deutschland: Er dankt Irland für die Hilfe nach dem Zweiten Weltkrieg, als im Rahmen der „Operation Shamrock“ bis zu 500 deutsche Kinder vorübergehend bei irischen Pflegefamilien ein Zuhause fanden.
Sie finden den Brunnen gleich hinter dem Eingang an der Leeson Street. Wenn Sie von dort weiter durch den Park schlendern, kommen Sie an zahlreichen weiteren Denkmälern vorbei, etwa an der Wolfe-Tone-Gedenkstätte an der Ecke zur Merrion Row. Mehr zum Park selbst lesen Sie auf unserer Seite zum St. Stephen’s Green Park.

Admiral Nelson’s Kopf
Als sich 1966 das 50jährige Jubiläum des Osteraufstandes näherte, stand ein Denkmal des britischen Frühimperialismus noch immer weit sichtbar auf der O’Connell Street. Und auch noch gegenüber des GPO. Dabei zeigte es noch nicht einmal Dublins berühmten Sohn Arthur Wellesley, nein, der kriegsbeschädigte Admiral Nelson beherrschte strengen Blickes das Allerheiligste des Republikanismus. Das konnte die IRA so nicht stehen lassen! Im wahrsten Sinne des Wortes: Mit einer massiven Sprengladung…
… wurde Nelson’s Pillar am frühen Morgen des 8. März 1966 zerstört, die Statue stürzte auf die Straße. Ganz so eindeutig, wie es klingt, ist die Sache allerdings nicht: Die IRA bestritt damals eine Beteiligung, angeklagt wurde niemand. Erst im Jahr 2000 behauptete ein ehemaliges IRA-Mitglied im irischen Fernsehen, die Bombe gelegt zu haben. Nelsons steinerner Kopf erlebte danach eine kleine Odyssee: Rund zehn Tage nach der Explosion entführten ihn Kunststudenten aus einem städtischen Lagerhof und zeigten ihn gegen Eintritt herum. Heute liegt er in der Dublin City Library and Archive in der Pearse Street. An der Stelle der Säule steht seit 2003 die rund 120 Meter hohe Spire.

Rechtsverkehr
Für Einheimische und noch mehr für kontinentaleuropäische Touristen verwirrend ist die Einfahrt zum Parkhaus des Jervis Centre in der Jervis Street. Bedingt durch die Einbahnstraßen-Situation musste die Auffahrt nämlich für Rechtsverkehr konstruiert werden! Was bei manchen Besuchern zu wahren Panikanfällen führt oder, gelegentlich, auch zur Benutzung der Ausfahrt als Einfahrt. Webseite: www.jervis.ie
Falsche Fenster
Die prachtvolle Fassade des Carlton Cinema lag lange Zeit dem Verfall offen und wurde erst vor kurzem restauriert, Wenn man sich dem Nordende der O’Connell Street nähert, ist das (nicht mehr betriebene) Kino deutlich zusehen. Vielleicht wundern Sie sich allerdings an einem regnerischen Tag, warum ein blauer Himmel in den großen Fenstern reflektiert. Ganz einfach – es ist keine Spiegelung, sondern ein Gemälde. Echtes Glas hätte gute Zielscheiben abgegeben…
Im Galopp über Kopfsteinpflaster
Zu den ungewöhnlichsten Veranstaltungen, die man in Dublin besuchen kann, zählt der Pferdemarkt von Smithfield. Man wird den Eindruck nicht los, in einer anderen Zeit gelandet zu sein. Gehandelt werden keine reinrassigen Rennpferde, sondern hauptsächlich kräftige Zugpferde für Kutschen und Ponys, zuweilen auch Esel, sowie allerlei Zubehör.
Gehandelt wird wie vor hundert Jahren: Man schaut dem Pferd ins Maul, verhandelt und besiegelt den Kauf per Handschlag. Dazwischen treiben junge Reiter, oft ohne Sattel, die Tiere über das Kopfsteinpflaster, und das Klappern der Hufe hallt von den modernen Apartmenthäusern rund um den Smithfield Square wider.
Unumstritten ist der Markt nicht. Nach gewalttätigen Zwischenfällen, Beschwerden von Anwohnern und Kritik von Tierschützern und Polizei beschloss der Dublin City Council im Januar 2013 eine Satzung, die den früher monatlichen Markt auf zwei Termine im Jahr beschränkt, jeweils am ersten Sonntag im März und im September, und strengere Auflagen vorschreibt. Eine organisierte Touristenveranstaltung ist er nicht. Prüfen Sie vor einem Besuch, ob der Markt am gewünschten Termin tatsächlich stattfindet, halten Sie Abstand zu den Tieren und behalten Sie Kinder im Gedränge im Blick. Smithfield erreichen Sie bequem mit der roten Luas-Linie (Haltestelle Smithfield). Gleich um die Ecke liegt die Jameson Distillery in der Bow Street, ein guter Anschlussbesuch.

Verpasst
Zu guter Letzt noch einmal die O’Connell Bridge… Sie möchten sich mit ihren Liebsten/Freunden im Zentrum von Dublin treffen. Sie vereinbaren Zeit und Ort. Als Treffpunkt schlagen Sie die O’Connell Bridge vor. Was sollte da schon schief gehen? Doch Vorsicht: welche O’Connell Bridge darf es denn sein?
Die Frage ist nicht so abwegig, wie sie klingt: Im Stadtzentrum gibt es tatsächlich zwei Brücken, die nach dem „Befreier“ Daniel O’Connell benannt sind. Die bekannte führt am unteren Ende der O’Connell Street über die Liffey. Sie entstand aus der Carlisle Bridge von 1791–1794, wurde zwischen 1877 und 1880 umgebaut und verbreitert und trägt seit ihrer Wiedereröffnung den Namen O’Connells.
Die zweite ist eine kleine Steinbrücke im St. Stephen’s Green. Sie führt über den künstlichen Wasserfall, der den großen Teich im Norden des Parks speist, und entstand bei der Neugestaltung des Parks, den Lord Ardilaun am 27. Juli 1880 wieder für die Öffentlichkeit öffnete. Weil die Parkbrücke ihren Namen also schon trug, als die umgebaute Liffey-Brücke noch auf ihre Wiedereröffnung wartete, gilt sie unter Kennern als die „wahre“ O’Connell Bridge. Verwechseln wird die beiden kaum jemand, doch mit diesem Detail können Sie selbst manchen Dubliner überraschen. Der Park ist ganzjährig geöffnet, der Eintritt ist frei.



















